Es wäre wohl falsch, Sozialen Netzwerken im Web 2.0-Format allein dafür die Schuld zu geben, dass Menschen auf dumme Ideen kommen. Auch wenn Facebook & Co die Umsetzung so mancher Idee vereinfachen oder das Wesen von Sozialen Netzwerken den einen oder anderen auf die eine oder andere „krasse“ Idee bringen mag, so sind es doch immer Menschen, die letztendlich die Ideen in die Welt setzen und in Umlauf bringen.

So erlangte unlängst auch das Phänomen Social Beer Gaming, möglicherweise besser bekannt als Neknomination, unrühmliche Aktualität in unserem Lande. Dies auch dank der traditionellen Medien, die das Phänomen auch an jene Menschen transportierten, die nicht so versiert sind im Umgang mit Facebook & Co. In nur wenigen Tagen, doch mit etwas Verspätung zu anderen Ländern, sprangen denn auch luxemburgische Jugendliche auf den Trend auf und stellten sich über Facebook und youtube Bier trinkend zur Schau. Nicht nur, aber vor allem junge Männer waren es, die sich dabei in selbstdarstellerischer Art und Weise im worldwideweb-Schaufenster zeigten, indem sie eine Flasche Bier, mal klein, mal groß auf Ex trinken und dabei drei so genannte Freunde nominieren, d.h. auffordern es ihnen binnen 24 Stunden gleich zu tun. Damit diese Aktion den Touch von lustig erhalten soll, wird im „Idealfall“ eine witzige nicht alltägliche Situation als Rahmen für das Trinkevent ausgewählt. Dass manche als „witzig“ eine übertriebene Darstellung auswählen z.B. an einem gefährlichen Ort oder statt einer Flasche Bier eine Flasche Hochprozentigem ansetzen, sorgt dann für jene Unfälle, die auch tödlich enden können.

Um es gleich vorweg zu nehmen, in den letzten Wochen konnte ich in öffentlichen Verkehrsmitteln zwar viele Jugendliche über das Phänomen Neknomination reden hören, die das mitunter „déck krass“ und „voll geil“ fanden, jedoch kaum eine Stimme war zu vernehmen, die verlautbart hätte, dass er/sie mitgemacht hätte. Also doch nur ein Randphänomen? Eine erste Spur führt demzufolge zur Vermutung, dass derartige Phänomene vor allem von Voyeurismus leben. Man/frau schaut sich das an, findet das lustig, mitunter kommt Schadenfreude auf, etc … man spricht drüber, mokiert sich über die Akteure, aber selber hält man sich davon fern. Schaut man sich zudem etliche solcher Filmsequenzen an, so muss man feststellen, dass in nicht wenigen Fällen viele der Nominierten bereits daran scheitern, dass sie nicht im Stande sind, die Flasche Bier ex zu trinken, geschweige denn, dass sie ihre Trinkaktion witzig gekürt hätten. Daran kann man sehen, viele der Nominierten sind weder geübte Bier-Runterschütter, noch witzige Darsteller. Dies wiederum führt unweigerlich zur Frage, weshalb haben diese Menschen trotzdem die Aufforderung angenommen und das auch noch, indem sie sich beim Trinken filmen ließen und den Kurzfilm im Internet hochgeladen haben? Darunter auch Menschen, von denen man hätte erwarten können, dass sie dies nicht tun oder gar vorbildhaft sich der Aufforderung verweigern?

Eine zweite Spur bringt hier wiederum die Neuen Medien ins Spiel, die es einerseits ermöglichen schnell mal ein Foto zu schießen oder ein Filmchen zu drehen und diese im Handumdrehen im Netz hoch zu laden. Die Fangarme der webbasierten Sozialen Netze sind online ständig ausgestreckt, verfolgen ihre Mitglieder auf Tritt und Schritt. Da ist die Rede von Follower, als ob wir nicht bereits genug NSA und andere Geheimdienste am Hals hätten. Der Beitritt zu Facebook, WhatsApp, Twitter & Co ist freiwillig, wie diese am anderen Ende unsere Daten verwerten, da haben wir nur wenig Mitspracherecht. Wir haben dieser Tage nur erfahren, dass Facebook-Chef Marc Zuckerberg der Kauf von WhatsApp, sprich die 450 Millionen User-Daten, angeblich umgerechnet 19 Milliarden Euro wert sind. Durch die allgegenwärtige Verfügbarkeit von Smartphones, mithilfe derer nicht einfach nur telefoniert, sondern mit denen fotografiert, gefilmt, etc., etc., etc. werden kann und ebenso Fotos und Filme angeschaut werden können, sind diese kleinen Geräte heute zur Klette am Handgelenk vieler Menschen geworden. Das Smartphone wird nicht ausgeschaltet, wird laufend aufgeladen, frisst in der Masse horrende Mengen an Strom, Hauptsache man ist allzeit bereit und dabei. Wer sich hingegen bewusst dafür entscheidet, sich diesen Sozialen Netzwerken zu verweigern, riskiert nicht mehr Teil der Gemeinschaft und schon gar nicht up-to-date zu sein. Folglich sind jene, die sich diesen Sozialen Netzwerken entziehen, eine seltene Spezies. Genau hier setzt auch die Wirksamkeit von Phänomenen wie Neknomination ein. Man stelle sich vor, es wäre Neknomination-Time und keiner macht mit! An dieser Stelle gilt zu fragen, a. wie viele junge Menschen haben bei dieser Aktion mitgemacht, b. wie viele haben sich geweigert, ihrer Nominierung zu folgen? Während einerseits manche Spielteilnehmer sich fast schon stolz zeigten, nominiert worden zu sein und sich artig für ihre Nominierung bedankten und der Aufforderung nachkamen, dürfen wir nicht vergessen, dass sicherlich die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen derartigen Aktionen höchstens passiv folgten. Der Druck auf den Einzelnen mag groß sein, Selbstbewusstsein ist gefordert, wenn eine Nominierung im Netz auftaucht. Es ist nicht immer einfach Nein zu sagen, sich dem Druck so genannter Freunde zu verweigern. Mancheiner hat dies auf kreative Art und Weise gelöst, hat eine Alternative gepostet, sich bewusst gegen das Bier und für eine wohltätige Aktion eingesetzt z.B. statt Bier, Wasser und Essen für Obdachlose in den Mittelpunkt gestellt. Etwas versteckter hielten es wiederum andere, die statt Bier Apfelsaft oder Wasser vor der Kamera getrunken haben. Doch gewusst ist, wie die Bühne Internet den Druck auf den Einzelnen erhöhen kann (dies kennt man auch aus dem Phänomen Cybermobbing, das auch eine andere Qualität erlangt hat, als das seit jeher bekannte Mobbing). Daneben gerät immer wieder in Vergessenheit, dass das Gedächtnis des Internets lange währt und so auch Filme von Bier trinkenden Jugendlichen nicht so schnell mehr aus dem Internet verschwinden. Dies aber geht am Bewusstsein jener Menschen vorbei, die möglicherweise nichts dabei finden, sich auch in anderen peniblen Situationen filmen zu lassen. Das Internet bietet mit Hilfe der Neuen Medien und des Web 2.0 eine Unmenge an positiven wie negativen Beispielen medialer Partizipation. Neknomination ist eine der wenig sinnvollen Beteiligungsaktionen.

Dazu kommt, dass das Internet Menschen die große Chance bietet, sich endlich einem breiten Publikum präsentieren zu können. Im Zeitalter von Castingshows jeglicher Art sehen viele die Zeit gekommen, sich öffentlich entblößen zu können, also zu zeigen, was in ihnen steckt, um anerkannt zu werden. Jeder, also nicht nur die großen und weniger großen Stars, soll seine Chance erhalten, für jeden ist inzwischen etwas dabei, besteht die Chance, eine mediale Plattform zu finden für seinen öffentlichen Auftritt – auch wenn er peinlich ist. Und wer das nicht schafft oder mehr davon haben will, kann heutzutage seine narzistischen Neigungen ganz einfach im Internet zur Schau stellen. In einer Zeit, in der Selbstdarstellung zu einem wichtigen Charakterzug geworden ist, kommen diese kleinen medialen Angebote gerade recht (oder umgekehrt).

Zum Schluss gilt zu fragen, was denn junge Menschen machen sollen, wenn eine Nominierung zum Biertrinken sie ereilt. Egal ob die Aufforderung über Internet, die Peergruppe oder einzelne Freunde herangetragen wird, es ist wichtig, nicht gleich auf jeden Blödsinn einzusteigen und zuerst zu überlegen, was das für Konsequenzen haben könnte. Ebenso ist es wichtig, sich nicht die Freiheit nehmen zu lassen, Nein sagen zu dürfen. Wahre Freunde haben Verständnis dafür, dass man nicht mitmacht, auch wenn sie zunächst blödeln, einen aufziehen. Daneben braucht es eine gewisse Frustrationstoleranz bei jedem Einzelnen, der es auch mal aushalten muss, dass andere ihn nicht „bewundern“ (super finden). Alles dies sind Qualitäten und Entwicklungsaufgaben, die sich im Laufe des Lebens immer wieder stellen und im Rahmen von Alltagserfahrungen sowie im  Unterricht oder in Seminaren thematisiert werden können.

Jean-Paul Nilles (Direktor CePT – Centre de Prévention des Toxicomanies)