Wie Tourismus und wirtschaftliche Entwicklung nachhaltig gestaltet werden können

Wer ist nicht ab und zu genervt von Abgasen, verspäteten Bussen oder dem Wecker am Morgen: Manchmal ist es an der Zeit, dem Alltag zu entfliehen und genau das kann man im Naturpark Obersauer. Der Stausee und seine umliegenden Wäldern ergeben gemeinsam eine malerische Landschaft, hinter der mehr als ein Erholungsgebiet steckt. Hier wird versucht, die Anwohner für ihre Umgebung zu sensibilisieren und dadurch die wirtschaftliche und touristische Entwicklung in nachhaltiger Weise in Einklang zu bringen. Dieser Balanceakt scheint mühsam, doch auch unbedingt notwendig.

Das Gebiet rund um den Obersauer Stausee gilt seit 1999 als Naturpark. Er wurde 1961 angelegt und versorgt bis heute knapp 80% aller Haushalte Luxemburgs mit Trinkwasser. Hier wird versucht, anders als etwa in Nationalparks, in denen Arten- und Naturschutz klar im Zentrum stehen, Mensch und Natur miteinander existieren und voneinander profitieren zu lassen. Zum Naturpark Obersauer gehören insgesamt vier Gemeinden des Nordwestens Luxemburgs, der Stausee Obersauer sowie ein Verwaltungszentrum nahe Lultzhausen. In diesem befindet sich eine ehemalige Tuchfabrik.

Tuchfabrik

Tuchfabrik (Außenansicht)

Die Ziele und Aufgaben eines Naturparks sind gesetzlich klar geregelt. 1933 wurde in Luxemburg das sogenannte Naturparkgesetz verabschiedet, durch welches auch der Handlungsspielraum des Naturparks Obersauer abgesteckt wurde. So soll er in erster Linie dazu dienen, das natürliche und kulturelle Erbe des jeweiligen Gebietes zu bewahren. Die praktische Umsetzung dieses Gesetzes erfolgt durch zahlreiche Projekte, Aktionen und Attraktionen, die sowohl umweltpädagogische, kulturhistorische aber auch wirtschaftliche Hintergründe haben.

Der Naturpark Obersauer als Freizeit- und Erholungsgebiet
Ein großer Bestandteil der Arbeit des Naturparks Obersauer ist die Gestaltung des Parkes als Freizeit- und Erholungsgebiet. Wer sich gerne in der Natur aufhält, kommt hier voll auf seine Kosten. Die zahlreichen Wanderwege führen quer durch den Naturpark und informieren über verschiedene Themen. So kann man auf dem Skulpturenweg Lultzhausen Kunstwerke entdecken oder auf dem „Besinnungsweg am Bach“ ganz zu sich selbst finden. Dabei kann das eigene Smartphone als GPS Gerät dienen, da diese beiden Wanderwege sowie  viele weitere mithilfe der Naturpark App kostenlos heruntergeladen und somit auch offline genutzt werden können. Doch auch für weniger Wanderbegeisterte bietet der Naturpark Obersauer mehrere Aktivitäten an. Das Herz des Gebietes bildet unweigerlich der Stausee, der sich quer durch den Naturpark schlängelt und diesen zum größten Wassergebiet Luxemburgs macht. Wer gerne schwimmt oder taucht kann dies in der sogenannten „Zone II“, flussaufwärts von Lultzhausen. Für Taucher bietet die Jugendherberge Lultzhausen einen besonderen Service: bei ihr können Tauchflaschen wiederbefüllt werden auch von Nicht-Gästen. „Zone I“ hingegen, die als Schutzzone dient,  ist für jegliche Wassersportaktivitäten gesperrt, da sie an die Staumauer grenzt und somit verschmutztes Wasser direkt ins Trinkwasser gelangen würde.

Für Gruppen bietet der Naturpark besonders viele Freizeitmöglichkeiten mit umweltpädagogischem Hintergund an. Von Fahrten mit dem Solarboot über Stand Up Paddling bis hin zu Kanufahrten ist alles möglich, um die Gruppendynamik zu stärken.

 

Verkauf regionaler Produkte

Verkauf regionaler Produkte

Förderung der Landwirtschaft und regionaler Produkte

Eine weitere Aufgabe des Naturparks Obersauer besteht darin, die Anwohner für ihren Lebensraum zu sensibilisieren. Zu diesen gehören natürlich auch ansässige Landwirte. Viele von ihnen litten sehr unter der künstlichen Anlegung des Stausees vor 54 Jahren, da durch ihn die regionalen Gegebenheiten verändert und die Anbauflächen verkleinert wurden. Im Koordinationszentrum des Naturparks, dem Naturparkzentrum in Lultzhausen, wurde daher eine Beratungsstelle für die Landwirte der Region eingerichtet.

Dort werden zum Beispiel Fragen nach der bestmöglichen Bewirtschaftung der Felder oder umweltfreundlicher Schädlingsbekämpfung beantwortet. Dabei wird einerseits die landwirtschaftliche Weiterentwicklung gefördert, aber auch Wert darauf gelegt möglichst nachhaltig und ökologisch zu arbeiten. So wird im Gebiet des Naturparks zum Beispiel vorzugsweise Dinkel angebaut, da dieser besonders gut an die Lebensbedingungen, wie Klima und Nährstoffgehalt des Bodens, angepasst ist. Der Naturpark Obersauer führt dadurch auch eine eigene Produktlinie, genannt „vum Séi“. Wer einen Tee „vum Séi“ kaufen möchte, kann dies entweder in den Verkaufsstellen innerhalb des Naturparks, wie zum Beispiel in der ehemaligen Tuchfabrik oder außerhalb in Läden wie dem „Buttik vum Séi“ tun. 


Kulturelle Förderung
Wie im Naturparkgesetz verankert, soll ein Naturpark auch das kulturelle Erbe der Region bewahren. So kann im Naturparkzentrum Lultzhausen die ehemalige Tuchfabrik besichtigt werden, die teilweiße noch heute in Betrieb ist. Dort werden zum Beispiel Decken, Jacken aber auch Schutzhüllen für Tablets hergestellt. Auch kulturelle Veranstaltungen, wie das Water-Art-Festival, werden in der Region des Naturparks ausgerichtet. Hier werden die unterschiedlichsten Musikrichtungen, wie  Rock oder Jazz bedient. Das nächste Festival soll im Juli 2016 stattfinden, der genaue Termin wird noch bekannt gegeben.

Tuchfabrik

Die alte Tuchfabrik

Einen Besuch ist der Naturpark Obersauer also nicht nur aufgrund der landschaftlichen Schönheit wert. Gerade in Zeiten, in denen die Globalisierung zwar Vorteile aber auch große Not und Armut mit sich bringt, sollte ein Umdenken in Richtung nachhaltiger und regionaler Förderung in Hinblick auf Tourismus und Wirtschaft stattfinden. Und genau hier setzt der Naturpark Obersauer mit seinen Projekten und Aktionen an.

Ronja