Realistisches Ziel oder Utopie?

Das Thema Prostitution polarisiert, weil so unterschiedliche Perspektiven und Interessen im Spiel sind. Da ist einerseits das Bedürfnis nach Ruhe und Ordnung der Bewohner/innen des Bahnhofsviertels, das oft in den Medien auftaucht. Darüber hinaus stellt sich die Frage nach einem gesetzlichen Rahmen, der zwar den Bedürfnissen und Rechten von Prostituierten Rechnung trägt, aber zum vorrangigen Ziel hat, der sexuellen Ausbeutung von Frauen einen Riegel vorzuschieben.

Über zwei gegensätzliche Ansätze wird zur Zeit in Europa heftig diskutiert: ist es besser, Prostitution zu legalisieren und zu reglementieren (z.B. in den Niederlanden und Deutschland) oder kann durch das strafrechtliche Vorgehen gegen den Kauf sexueller Dienstleistungen die Prostitution weitgehend zurückgedrängt werden („nordisches/schwedisches Modell“)? Auf einer Konferenz im Januar, organisiert vom Nationalen Frauenrat, der das „nordische Modell“ gutheißt, wurden einige Knackpunkte deutlich:

  • Zwar gibt es einen Rückgang der Prostitution in Schweden, der sich darin ausdrückt, dass v.a. Männer sich in Umfragen gegen Prostitution aussprechen. Andererseits: das « schwedische Modell », das auch in den anderen skandinavischen Ländern gilt, hat zu einer Zunahme von Prostitution in Estland, Lettland, Litauen und Polen geführt.
  • Die Legalisierung hat die Prostitution in Deutschland zu einem gewaltigen Business wachsen lassen, dessen Kontrolle durch die Polizei quasi unmöglich ist. Menschen-/Frauenhandel, Ausbeutung und Gewalt bleiben an der Tagesordnung, besonders betroffen sind Minderjährige und Ausländer*innen.
  • Eine selbständige Prostituierte aus dem Grenzraum besteht auf ihr Selbstbestimmungsrecht; sie sieht sich nicht als Opfer, will auch nicht stigmatisiert werden. Sind die wenigen Frauen, die unter guten Bedingungen selbstbestimmt von der Prostitution leben wollen/können, ausreichend solidarisch mit den vielen Prostituierten, die unter Zwang und Druck arbeiten müssen und mit Gewalt und Erniedrigung konfrontiert sind?
  • Eine französische Studie hat ermittelt, das Prostitution die Allgemeinheit (und damit Staat und Steuerzahler) jährlich viel Geld kostet für Gesundheitsleistungen, Polizeikontrollen, entgangene Steuern wegen Steuerhinterziehung oder Steuerflucht etc.

Die Frauen- und Genderbibliothek CID legt ihrer Meinung grundsätzliche, feministische Prinzipien zu Grunde:

  • das Selbstbestimmungsrecht und das Recht über die eigene Sexualität frei zu verfügen;
  • die Überwindung von patriarchalen Herrschaftsverhältnissen und damit verbunden der an Frauen verübten Gewalt und Ausbeutung.

Unabhängig davon, ob Prostitution verboten oder legalisiert wird, geht es grundsätzlich um die Einstellung unserer Kultur und Gesellschaft zur Sexualität, besonders der männlichen Sexualität. Ist es hinnehmbar, dass Männer glauben, einen legitimen Anspruch darauf zu haben, ihr sexuelles Begehren jederzeit durch den Kauf von sexuellen Dienstleistungen zu befriedigen? Kritisch ist in diesem Kontext auch das Verhältnis von Sexualität und Gewalt, das nicht nur in der Prostitution sondern auch in der Pornographie in Frage zu stellen ist. Ihr könnt unsere Position nachlesen auf http://cid-femmes.lu/id_article/1004 (auch auf Französisch).

Mach dir selber eine Meinung!

In der Bibliothek des CID findest du zahlreiche Bücher und Zeitschriften, die sich mit den unterschiedlichen Aspekten von Prostitution beschäftigen. Zum Beispiel:

  • Sophie Bouillon (2015): Elles: Les prostituées et nous 

La journaliste Sophie Bouillon n’a pas enquêté sur la prostitution ; elle est allée voir des prostituées. Puis elle a écrit ce qui est sans doute l’un des textes les plus justes sur le sujet.

  • Sheila Jeffreys (2014): Die industrialisierte Vagina. Die politische Ökonomie des globalen Sexhandels

Die australische Professorin sieht „Prostitution als schädliche kulturelle Praktik [an], die eine Form von Gewalt gegen Frauen ist und deren Grundlage die Unterdrückung der Frau ist.“

copie-cover-comprendreAber auch tolle Bücher zu Feminismus heute findest du bei uns:

  • Kleine Geschichte des Feminismus (Antje Schrupp)
  • Stand up! Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene (Julia Korbik)
  • Weil ein #Aufschrei nicht reicht: für einen Feminismus von heute (Anne Wizorek)

Komm vorbei, schnupper mal rein!

Die Bibliothek von CID | Fraen an Gender ist geöffnet: dienstags (14-18 Uhr), mittwochs bis freitags (10-18 Uhr) und samstags (10-12Uhr30). Ausleihe gratis.

Adresse: 14, rue Beck, 2. Etage; Luxemburg-Zentrum (50m von Bushaltestelle Aldringen/Hamilius). www.cid-femmes.lu / Tel. 241095-1 / cid@cid-femmes.lu

Ihr findet unsere Bücher auch im Bib-Net auf www.a-z.lu

Übrigens: unsere Bibliothek ist für Frauen UND Männer da! 😉

Christa (CID | Fraen an Gender)