Es war, als habe sich zuvor eine andächtige Kirchenstille ausgebreitet, sich in dem gewaltigen Raum über jedes Ehrfurcht einflößende Holzregal voller Seiten, über jeden vertieften schweigsamen Lesenden, jede Staubflocke erstreckend. Unversehens wurde sie durch einen steinernen  Takt durchschnitten. Schlagartig schossen verdatterte Häupter entgeistert in die Höhe, krochen jedoch alsbald zurück in die Druckerschwärze, gelegen auf abgegriffenem Papier. Sein resoluter Tritt hallte durch die herrische Stille, derweil das Blut durch seinen Körper peitschte. Der vorfreudige Kitzel, der seinen Körper zum Beben brachte, verlor sich in den Weiten des trägen und behäbigen Raums.
   Die Lichtersäulen, die Mann wechselweise erhellten, begannen zu flackern, als fließe alle Elektrizität direkt in ihn hinüber. Die Mission trieb ihn voran. Seine Schritte wurde schneller. Hitziger. Heiß lag er in seiner Brusttasche. Letzlich rannte er geradezu zwischen den Bibliotheksregalen hindurch, den Blick auf sein Ziel gerichtet. Sein Oberkörper wurde magnetisch angezogen, der Drang war mächtiger als er. Dieser zerrte ihn vorwärts, seine Beine taumelten lediglich hinterher.
   Blitzschnell riss er das Buch vom Regal an seine bebende Brust und begab sich fieberhaft zu seinem vertrauten Lesesessel. Das Polster hatte er schon seit Jahren abgetragen, so dass sich das Leder an seine Korpulenz angepasst hatte und diese nun vollkommen umspielte.
 Erwartungsvoll klappte er den Buchdeckel auf, blätterte hastig und mit kribbeligen Fingern zur Seite hundertachtundsiebzig vor. Sein Herz trommelte wild gegen seine Rippen. Die ganze Nacht hatte er auf diesen Moment gewartet, sich schlaflos im Bett gewälzt, lediglich von diesem einen einzigen Gedanken besessen. Ein kurzer Blick hinter sich, nach rechts, nach links. Schon hatte seine Rechte nach dem Filzstift getastet und den Deckel gekonnt fortgeschnipst. Wie aus eigener Kraft verschlang diese tiefe Schwärze gierig die ersten sieben grausigen Zeilen auf Seite hundertachtundsiebzig, bis nur noch ein blindes Quadrat zu sehen war.

   Es war vollbracht. Er lehnte sich zurück, betrunken von diesem  erhabenen Gefühl, vergleichbar mit dem, was ein Verdurstender nach dem ersten Schluck frischen Wassers wohl verspüren muss. Am vorigen Abend war er vom misstrauischen Blick einer müden Studentin durchbohrt worden. Folglich war er gezwungen gewesen, diesen gräßlichen Schauderroman ins Regal zurückzustellen und unauffällig das Weite zu suchen, bevor er die letzte Seite hatte schwärzen können. Nun da die Anspannung verebbte, konnte er wieder frei atmen.

   Es war die Stille, die Mann suchte. Während der Zeit, da sie ihn nunmehr begleitete, war sie zu seiner engsten Freundin geworden. Diese außergewöhnliche Verbindung, die die beiden fest verband, fußte auf einem Tauschgeschäft, aus dem beide Parteien gleichermaßen Nutzen zogen: Mann schwor, sie stets zu ehren und im Gegenzug dazu schwor die Stille, ihm genügend Sicherheitsabstand von seinen Nebenmenschen zu gewähren. Die Bibliothek wurde zu ihrem Treffpunkt für den Austausch an Intimität. Er verbrachte jede freie Minute zwischen den hohen staubigen Holzregalen voll Druckerschwärze und Papier, gewogen von seiner Geliebten. Dies war der Inbegriff seines Glückes, fern von Menschen und ihren Gesichtern.
   Kam es jedoch dazu, dass eines der Bücher sich als heuchlerischer Verräter entpuppte und ihm statt  Reflexionen über Gesellschaft und Leben, welche ihm in seinem Weltbild bestärkten, zwischenmenschliches Glück oder sogar wahre Liebe vorzuheucheln versuchte, konnte er erst durch das Unschädlichmachen des Buches die Schreie der frevelhaften Worte in seinem Kopf verstummen lassen. Diese Angewohnheit hatte er vor Jahren zu der seinen gemacht. Mit der steten Rückendeckung seines Eddings kämpfte er sich durch die Seiten, heimtückische Wörter schwärzend, wie auch den Namen Julia, den Namen der Frau, der er nie genügt hatte. Es war ein Fest, ein Rausch, der Zustand puren Glückes, diese Abscheulichkeiten ungeschehen zu machen. Heimlich rühmte er sich des Gedanken, die armen Seelen, die nach diesem einen besonderen Schandfleck der Literatur wie nach einem Strick griffen, vor sich selbst bewahrt zu haben.

   Als er wieder bei Sinnen war, klappte er „Verheißungsvolle Großstadtschmetterlinge“ zu, dessen verschleiertes, harmloses Ende ihn zutiefst entspannte. Als er das Werk an seinen Platz zurückstellte und dank der alphabetischen Anordnung nunmehr zu Dürrenmatt kam, durchfuhr ihn das Glück, von seinem Edding lange Zeit nicht mehr Gebrauch machen zu müssen und endlich in vollen Zügen die Lektüre genießen zu dürfen. Er legte seinen groben Wollmantel ab, gähnte beherzt beim Hinsetzen und begann, die ersten Seiten von Dürrenmatts  „Panne“ auszukosten.
   Als der Vertreter Alfredo Traps in das abendliche Anwaltsspiel mit Zorn, Kummer und Pilet, wie auch dem Herrn des Hauses eingeführt wurde und Mann die Seite umblätterte, gefesselt wie bei der ersten Lektüre, überfielen ihn plötzlich ohne Vorwarnung mehrere schwarze Balken. Fassungslos starrte er die Seiten an. Dieses Exemplar hatte er noch nie in der Hand gehalten. Nie hätte er in dem Werk Dürrenmatts auch nur ein einziges Wort kritisiert. Ungläubig blätterte er weiter. Seite um Seite, immer schneller. Das sich häufende Schwarz fing an, gleich einem Daumenkino vor seinen Augen zu tanzen.
   Er blinzelte hastig. Die schwarzen Flecken blieben. War er nun dem Wahn zum Opfer gefallen?
   Er kehrte zurück zu den ersten Balken und las :
„… und auf einem Tischchen standen Flaschen, weitere noch auf dem Kamin, die Bordeaux in Körbchen gelagert. Der Verteidiger goß sorgfältig und etwas zittrig aus einer alten Flasche Porto in zwei Gläser, füllte sie bis zum Rande, stieß mit dem Textilreisenden auf dessen Gesundheit an, vorsichtig, die Gläser mit der kostbaren Flüssigkeit kaum in Berührung bringend.“  Und etwas später: „Es sei am besten, meinte der Advokat und rückte mit seinem roten Gesicht, mit seiner Säufernase und seinem Zwicker näher an Traps heran, so daß sein Riesenbauch ihn berührte, eine unangenehme weiche Masse …“
Diese Zensur war sicher nicht sein Werk gewesen.

   Er blickte auf. Das anfängliche Gefühl der Enge wich einem Anflug von Panik. Die Beklommenheit wurde verstärkt durch den Eindruck, jede Pupille im Raum sei auf ihn gerichtet. Sein Rücken brannte, geradezu durchbohrt. Jegliche Luft schien aus dem majestätischen Saal gewichen. Vorsichtig griff er nach einem weiteren Werk Dürrenmatts, das er ebenfalls zu seinem Platz mitgenommen hatte. Es war gleichermaßen zensiert, befleckt, geschunden.
   Es war, als schnüre sich sein Hals zu. Mann öffnete den obersten Knopf seines Hemdkragens, weitete seine Krawatte. Seine Augen glitten über die Wände, flehten nach dem nächstgelegenen Ausgang. Sie tasteten wild die Holztäfelung ab, bis sie auf ihm haften blieben.
   Dieser Jemand war sicherlich Student, erkennbar an den kolossalen Stapeln an unverkennbarer Fachliteratur neben sich. Ein trockenes Räuspern ließ ihn aufblicken. Mann sah direkt in seine Augen. Was angesichts seines jungen Alters Frische und Kraft ausstrahlen sollte, wirkte kränklich und grau. Der Körper des Gegenübers stand unter Strom, eben wie der seine wenige Minuten zuvor. Und in einer kränklich grauen Hand hielt er einen dicken schwarzen Stift, vor neugierigen Blicken geschützt in der rar besuchten Sammlung von Schriften über Prähistorie.

Mann richtete sich auf und ließ den Edding nebenbei unauffällig in seine Manteltasche gleiten. Er wäre durch den Notausgang geflüchtet, ja, hätte flugs das Weite gesucht, weg, Hauptsache weg, hätte die Bibliothek gemieden, bis Gras über den Zwischenfall gewachsen wäre, hätte all dies getan, wie schon so oft, hätte dieser Jemand es nicht gewagt, ihm seinen geliebten Dürrenmatt zu entweihen. Er beobachtete den jungen Mann, bis dieser wieder auf sein eigenes Handeln konzentriert war. Mann ließ ihn nicht aus den Augen, mit zaghaften langsamen Schritten marschierte er los. Kraftvoll und geschmeidig wurde sein Gang und glich einem Pirschen.  So glitt er nun an der Tür vorbei, schlich geradewegs auf den Studenten zu. Mann schnaubte, seiner Beute kam er immer näher.
Schließlich stand er hinter diesem ruchlosen Missetäter.

   „Sie elender Verunstalter. Dürrenmatt? Was fällt Ihnen ein?“ Manns Tonfall schien durch das Flüstern nur noch stechender und anklagender.
   „Sie … Was … ich?“ Der Student riss die Augen so weit auf, es schien, als fielen sie gleich aus ihren Höhlen. Doch als seine Atmung wieder einsetzte, formten sich ebendiese zu Schlitzen. „Ach, Sie …“
   Diese Antwort traf Mann wie ein Blitz, unerwartet und unvorbereitet. „Was ich?“

   Der Student schnaubte verächtlich. „Na, Sie haben gut reden. Alle Exemplare von Shakespeare haben Sie entwürdigt. Entehrt. Vernichtet. Die Bücher sind nichts mehr wert. Sie haben sie verstummen lassen, indem Sie jedes liebliche Wort verunstaltet haben. Klassiker, ja die bedeutendsten Schriften, die Ideal und Tugend in Leben und Liebe darstellen… Ja verunstaltet haben Sie sie.“ Seine Augen loderten. „Ich habe Sie immer wieder beobachtet, wenn Sie über sie herfielen. Abstoßend. Wie Sie dabei in Extase gerieten.“
   „Das ist… die sind…“ Er räusperte sich beschämt. Die „Panne“ fiel aus seiner schweißgebadeten Linken, blieb aufgeschlagen auf der Steinplatte liegen und offenbarte die schändlichen Balken. „Aber Sie wollen besser sein? Willkürlich Wörter schwärzen…“
   „Willkürlich?“, wiederholte der entgeisterte Student.  „Ich muss sie korrigieren. Nein, weder willkürlich noch beliebig, noch zufällig. Ich, für meinen Teil, habe durchaus edle Motive, diese Wörter aus dem Text zu streichen… Sonst…“ Er hielt inne, streng blickte er Mann an.

Die Räumlichkeiten erschienen wie davongewichen. Nur noch die beiden waren existent. Beim Anblick des jeweiligen Gegenübers durchkroch sie die Empfindung, mit jemand anderem konfrontiert zu sein, als der Person vor sich. Wie in einem verzerrten Spiegel, mit sich.
   Seine samtige Stimme, erhellt von dem Gedanken, einmal verstanden zu werden, fuhr fort: „In den falschen Händen können diese Wörter Schaden anrichten. Völlig unbedeutend, ja das sind sie, und doch zeichnen sie ein Bild von verschwenderischer Dekadenz. Es geht doch nur noch um Alkohol. Die meisten Protagonisten saufen sich voll, wo soll da ein Beispiel für den Leser sein? Ich -mit einer deutlichen Betonung auf diesem Wort- verunstalte die Bücher nicht, meine Triebfeder ist edel: Ich beschütze die Jugend und die blauäugigen Menschen.“ Stolz flammte in seinen Augen auf.
   „Aber… Die Worte so zu filtern, wie sie Ihrer Meinung nach dort stehen sollen, dies verfälscht am Ende doch den Sinn des Buches, den Dürrenmatt unter dieser Form eben erläutert. Form und stilistische Elemente sind nicht Stolpersteine der Aussage, wenn diese verstanden ist.“
   Mann schnappte erregt nach Luft. „Man… man… mag Gelesenes nicht akzeptieren, doch vermag man solches nicht ungeschehen zu machen. Was gesagt werden muss, liegt nicht am Adressaten, sondern in der Hand des Erzählers. Die Wahrheit so zu verbiegen, dass sie lieblich klingt, macht sie nicht erträglicher. Jemanden mundtot zu machen, löst das Problem demgemäß in keinster Weise.”
   „Überdies, was fällt Ihnen ein, den Leser so respektlos abzuwerten und zu einem ewig leeren, unberührten Blatt Papier zu verdammen? Der Mensch also als Blatt im Wind? Ist es nicht gerade Kommunikation, die das nichtssagende unbedruckte Blatt zu einem prächtigen farbenreichen Kunstwerk voller verschiedener Formen und Ideen modelliert, wo verkrümmte Striche durch einen neuen Ton, eine andersartige Nuance auch übermalt werden können? Erhält es nicht dadurch seine Pracht, seine atemberaubende Schönheit?”
   „Und überhaupt, unbeschrieben wird kein Blatt bleiben. Ein verbogener dunkler Strich, ein Eselsohr ist nur eine Frage der Zeit. Von dem weißen Blatt werden diese Besitz ergreifen, es vollständig einnehmen. Auf dem farbenfrohen Werk hingegen wird die Untat einfach untergehen.
   Verstehen Sie die Notwendigkeit, nach allen möglichen Ideen und Nuancen zu trachten?“
   Der Andere blieb immernoch stumm. Die beiden blickten einander in die Augen, und durch diese durch.
   „Tun Sie das denn?“ stammelte der junge Mann.
   „Das … Das ist etwas anderes. Das … Würden Sie nicht verstehen.“ Bei diesen Worten sprang Mann auf und hastete zum Notausgang.

   Den restlichen Sommer blieb Mann der Bibliothek fern. Als er schließlich wieder beschloss, sich gelegentlich dort aufzuhalten, bemerkte ein gewisser Student, dass Manns Manteltaschen immer schwer und klobig gefüllt waren, sowohl beim Betreten, als auch beim Verlassen der Bibliothek. Nach wenigen Wochen stellte Mann die Bibliotheksbesuche gänzlich ein.

   Der Herbst hatte früh begonnen, seine nasskalte und beklemmende Seite zum Vorschein zu bringen. Doch Mann war nicht kalt. Sein kleines Haus inmitten eines Tannenwaldes heizte fortdauernd ein ständig brennender Kamin.
   Abends saß Mann nun in seinem Ohrensessel und spürte, wie sich seine Haut erhitzte. In nassen Augen spiegelten sich die Flammen, die züngelnd über die Seiten krochen und hierbei Weiß und besonders Schwarz verschlangen. Letzendlich waren es die Flammen, die Schaden behoben.

Pauline