“Der Jude ist wohl Rasse, aber nicht Mensch. Er kann gar nicht Mensch im Sinne des Ebenbildes Gottes, des Ewigen, sein. Der Jude ist das Ebenbild des Teufels. Das Judentum bedeutet Rassentuberkulose der Völker…”

Gespuckte Hassparolen durchdrangen auf Knopfdruck das Treppenhaus, ließen den Putz an den Wänden bröckeln. Sie durchschnitten die kleinbürgerliche Sonntagnachmittag-Idylle des vierstöckigen Wohnblocks der Kant-Straße, der zuvor den jeweils voneinander abgeschotteten Einwohnern Ruhe und Behaglichkeit geboten hatte.

“Der Jude ist wohl Rasse, aber nicht Mensch. Er kann gar nicht Mensch im Sinne des Ebenbildes Gottes, des Ewigen sein. Der Jude ist das Ebenbild des Teufels. Das Judentum bedeutet Rassentuberkulose der Völker. …” Wiederholt drang es aus dem obersten Stockwerk, in dem sich die Dreizimmerwohnung einer gewissen Seniorin Kaiser und der Eingang zum gemeinsamen Speicher befanden.

“Der Jude ist wohl Rasse, aber nicht Mensch. Er kann gar nicht Mensch im Sinne des Ebenbildes Gottes, des Ewigen sein.“

Im dritten Stockwerk war die Wohnung eines Herrn Schmidt gelegen, der, als er diese Töne vernahm, leichtes Unbehagen verspürte. Es werde schon seine Gründe haben. Er fügte sich dem, was über ihm ertönte und stellte seinen Ohrensessel einfach näher an die Flimmerkiste. Diese Änderung habe sicher seine Gründe. Zudem erleichtere die neuartige Nähe zum Bildschirm es, sein rechtes, blindes Auge auszublenden.

Den untersten Stock bewohnte eine Familie, die erst seit kurzem die Wohnung bezogen hatte. Kein Bewohner dieses Hauses war ihr bekannt, der Gang, um sich den Nachbarn vorzustellen, hatte sie nicht interessiert. So lebten sie in ihren vier Wänden. Der Mann war stets auf Arbeit, nur abends sah er seine Familie am Esstisch. Doch er beschränkte sich aufs Nebeneinandersitzen, was seine Gattin Thilde plapperte, war ihm schon lange zuwider. Thildes Tage waren eintönig und einsam. Die Säuglinge futterten und verdauten, schrien und schliefen. Und jeder einzelne Schrei, jede leere Reflexantwort ihres Ehemanns, jede Stunde, in der Einsamkeit ihr einziger Begleiter war, verhärtete ihr Herz etwas mehr.

Das was im dritten Stockwerk noch ohrenbetäubendem Lärm glich, verspürte man hier eher als Surren oder als Gemurmel eines alten Kühlschranks. Trotzdem sorgte dieser für Thilde markerschütternde Radau für Migräne und sie verschanzte sich im Schlafzimmer. Dem Ehemann fiel es nicht auf, das Gemurmel schien heute einfach monotoner als sonst und nicht durch Atempausen unterbrochen.

“Der Jude ist wohl Rasse, aber nicht Mensch. Er kann gar nicht Mensch im Sinne des Ebenbildes Gottes, des Ewigen sein.“

Es wurde wieder Morgen. Die gleichen Worte hallten stets durch die Flure.

Herr Schmidt war leicht verstimmt. Der Geräuschpegel der Hasstiraden ließ die Wände zittern und formte selbst Ringe auf die Oberfläche des Kaffees in seiner Tasse. Es kam ihm in den Sinn, diese Frau Kaiser höflich darauf hinzuweisen, dass ihr Fernseher extrem laut eingestellt sei und sie bitten, das Volumen doch ein bisschen zu reduzieren. Doch er wollte sich nicht einmischen. Sie werde wohl ihre Gründe haben. Es sei ja gar nicht so laut, ja, eigentlich auszuhalten. Sie werde schon gute Gründe haben. Er habe bestimmt auch schon zu laut Radio gehört und Frau Kaiser aus dem vierten Stock habe noch nie vor seiner Tür gestanden. Eigentlich sei es gar nicht laut.

Ein Stockwerk drunter war Nina früh aufgestanden, es hatte Hausarbeit auf sie gewartet, jedoch hatte sie diese recht schnell wieder aufgegeben. Nicht nur ihr Radio schrie aus Leibeskräften, die Rede auch. Wie schon den ganzen Morgen. Es war zum Teufelskreis geworden. Nazi gegen Radiosprecher. Radiosprecher gegen Nazi. Nazi ging meist als Gewinner hervor, während der Moderator irgendwann resigniert aufgab und verstummte.

Thilde war außer sich. Dieser Mordskrach, dieses elende Surren hatte ihr jeglichen Schlaf geraubt. Schon vor 8 Uhr morgens hatte sie den Vermieter, die Hausverwaltung und jegliche Instanzen am Telefon belagert, doch niemand, nicht einmal die Polizei hatte ihre Beschwerde wegen „grausam lautem Surren“ ernst genommen. Ihr Mann lachte sie am Telefon lediglich schnippisch aus. Das Surren erschien ihr nun lauter, aufdringlicher, und schließlich beleidigend. Es schien sie herauszufordern. Thilde vermisste ihre altbekannte und verhasste Stille. Die Kinder schliefen noch immer. Ob das Surren wohl eine beruhigende Wirkung hatte? Doch es ging um das Prinzip.

“Der Jude ist wohl Rasse, aber nicht Mensch. Er kann gar nicht Mensch im Sinne des Ebenbildes Gottes, des Ewigen sein.“

Der Tag hatte genug von dem Lärm, es wurde Nacht.

Herr Schmidt wurde nervös. Sie hatte ihre Gründe, doch mittlerweile pfiffen und schmerzten seine Ohren. Gleich fing der „Tatort“ an, doch jedes Wort der Nachrichten wurde von den Reden in Dauerschleife übertönt. War es nicht doch etwas laut? Doch sie werde wohl ihre Gründe haben, deshalb verließ er immer noch nicht seinen Ohrensessel. Er drückte auf die Fernbedienung während der Wettervorhersage der nächsten Tage und legte sie erst beiseite als sich der Bildschirm weinrot färbte. Sie habe sicher Gründe und eigentlich störe es ihn ja nicht. Später empfand er ein dumpfes Pochen, dem er keine Beachtung schenkte, bis es schließlich verstummte.

„Günter!“, durchschnitt es einen Augenblick lang den üblicherweise unerträglich schreienden Kampf von Nazi und Radio. „Günter!“ Dieses Mal war es schriller, fast noch lauter als Nazi selbst.  „Ja?“, ertönte es leiser, aber immer noch schreiend, aus dem an der Küche angrenzenden Büro. Günter hatte vor sich die Unterlagen seiner Patienten liegen, gelesen hatte er jedoch noch keine seiner Notizen, er war zu fixiert darauf gewesen, einen klaren Gedanken zwischen Hitlers Nationalsozialismus und des Moderators unnützer Abwehr zu fassen. Mittlerweile war er sich nicht mehr sicher, was ihn eigentlich wahnsinnig machte: seine Frau, die Reden, das Radio oder seine mangelnde Konzentration.

Thilde kam wieder nach Hause. Den Tag hatte sie außerhalb verbracht, um dem Gemurmel zu entkommen. Doch wieder in der Wohnung angekommen, hörte sie das Brummen, das sie neckte. Es schien sie gezielt zu provozieren, es wollte sie persönlich beleidigen. Ja, es war einzig und allein eine Aufforderung zum Duell. Sie legte die schlafenden Kinder in die Betten und verließ die Wohnung, um sich ihrem Peiniger zu stellen. Im dritten Stock kreischte ihr Folterer in ihre Ohren. Sie klopfte an die Türe, die verschlossen blieb. Sie kämpfte sich weiter empor, bis sie vor ihrem Peiniger stand. Einzig getrennt durch eine Holztür.

Bevor sie handeln konnte, durchfuhr ein Kinderschrei die stickige Luft. Sie stapfte die Treppe runter, ohne ihren Feind aus den Augen zu lassen. Morgen, morgen würde sie ihn sich vornehmen.

“Der Jude ist wohl Rasse, aber nicht Mensch. Er kann gar nicht Mensch im Sinne des Ebenbildes Gottes, des Ewigen sein.“

Man hörte am Morgen keinen Hahn schreien.

Der halbblinde Schmidt akzeptierte jegliche Gründe des Lärms. Er saß einfach näher vorm Fernseher und maximierte die Lautstärke. Doch der Geräuschpegel flaute langsam ab.

Thilde stand bereits vor der Tür. Es ging hier darum, sich selber zu beweisen. Sie konnte sich von diesem Summen in ihrer Wohnung nicht unterkriegen lassen. Ihr Klingeln blieb unbeantwortet. Sie hämmerte gegen die Tür. Nichts. Sie hämmerte weiter, sie hämmerte und hämmerte, sie hämmerte bis ihre Fingerknöchel platzten. Sie nahm ihre Füße zur Hilfe, sprang förmlich an diese blutverschmierte Haustür. Ihren Hals in den Nacken geworfen schrie sie gegen den Lärm an.

“Der Jude ist wohl Rasse, aber nicht Mensch. Er kann gar nicht Mensch im Sinne des Ebenbildes Gottes, des Ewigen sein.“

Die Zeit schien vergessen solange die Kirchenglocken für dieses Haus stumm blieben.

Herr Schmidt fühlte sich nicht mehr gestört. Es schien nicht mehr laut zu sein. Vergnügt betrachtete er die Bilder auf dem Bildschirm, der Ton wurde nichtig, kaum hörbar.

„Ich halte das nicht mehr aus! Ich schwöre dir, wenn die sich noch diese anstößigen Reden anhört, dann geh ich da hoch, und dieses Mal wird sie es nicht überleben!“ Ninas Stimme zitterte, bis sich dieses Zittern auf ihren Körper übertrug und sie nur noch schrill klang. Ein Seufzen entglitt Günter, als er sich im Stuhl an seiner Frau wandte. „Was soll ich denn tun? Ich kann da nicht hochgehen und sie einfach bitten, die Rede auszuschalten. Sie hat doch ein Recht, das zu hören, was sie möchte.“ Wieder einmal war es Günter, der zwischen seiner Frau und der rund vierzig Jahre älteren Nachbarin zu vermitteln versuchte. Dabei hatte er die Dame selbst noch nie gesehen. „Ich sag dir eins, Günter! Nur weil ich jünger bin als du, heißt das nicht, dass ich falsch liege, hörst du? Nein, nein, nein. Wer hier recht hat, mein Lieber, das bin ich! Warum haben Millionen Menschen gegen diese abscheulichen Nazis gekämpft, wenn wir uns ihre „Prinzipien“ immer noch anhören müssen, nur weil die Alte über uns nicht verurteilt wurde? Nein, Günter, das lass ich mir nicht bieten. Weißt du, wie lange meine Eltern haben warten müssen, um wieder in einem freien Land zu leben wegen diesem Irren?! Bis 1989! Nein, nein, ich schwöre dir, ich bring die um, wenn sie nicht aufhört!“ Nina stand in der Tür, ihr Gesicht war ganz rot geworden, während sie heftig nach Luft schnappte. So sehr sie ihren Mann auch liebte, manchmal fragte sie sich ernsthaft, ob der Altersunterschied nicht einfach zu groß war. „Nina…“ Günter wollte antworten, doch Ninas erhobene Hand ließ ihn augenblicklich inne halten. „Nein. Ich kann das nicht mehr. Ich kann nicht einmal mehr als Künstlerin arbeiten, seit wir hier wohnen. Oder hast du seitdem eine volle Leinwand gesehen? Ich nicht. Das muss ein Ende haben. Sie muss ein Ende haben. Dieser Nazi muss wieder ein Ende haben, er ist seit über sechzig Jahren tot und so soll das auch bleiben, klar?“ Günter seufzte nur, während er seine Frau müde ansah. Zwischen Nina und Günter ertönte immer noch der Nazi und der Moderator, wobei der Nazi deutlich selbstsicherer klang.

Thilde war bereit für Runde zwei. Diesen Affront konnte sie nicht ungestraft lassen. Deshalb hatte sie Eier mitgebracht, die sie jetzt durch den Briefschlitz drückte. Die Klingel drückte sie mit Klebeband nieder und fixierte sie. Ihr Durst nach Genugtuung war vorerst gestillt, was auch auf einen Mangel an neuen Ideen zurückzuführen war. Beschwingt sprang sie die Treppen runter, grübelnd über neue Gemeinheiten, mit denen sie ihren Frust kanalisieren konnte.

“Der Jude ist wohl Rasse, aber nicht Mensch. Er kann gar nicht Mensch im Sinne des Ebenbildes Gottes, des Ewigen sein.“

Der Lärm war derselbe, doch die Ohren, mit denen er vernommen wurde, hatten ihn verändert.

Es waren das Quietschen der gläsernen Haustür, das Hallen schneller, bestimmter Schritte, das Öffnen und Schließen einer Tür, im Getöse gänzlich untergehend, die die Reden verstummen ließen.

„Rahel, Liebes, sei so gut und gib mir die Teebüchse, die dort auf dem Regal steht“. Frieda Kaiser krallte sich an der Arbeitsplatte neben der Herdplatte fest, um beim Teewasserkochen nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Rahel Blum beäugte dies kritisch.

„Frau Kaiser, wie gelingt es Ihnen mittlerweile, den Alltag zu meistern? In letzter Zeit haben Sie mich immer wieder darum gebeten, den Abstand zwischen meinen Besuchen zu verringern. Doch ich frage mich nun, ob anstatt dessen nicht ein Pflegeheim in Betracht zu ziehen wäre. Es gibt ein wirklich ordentliches Heim…“

„Nein, Liebes, ich möchte das nicht. Ich kann für mich selber sorgen. Und außerdem könnte ich diese Wohnung nicht verlassen, selbst wenn ich es wollte. Ich lebe hier seit 1943. Damals war dieses Haus frisch gebaut worden. Alle beneideten die Glücklichen, die eine Wohnung hier ergattert hatten. Es wirkt heute vielleicht in die Jahre gekommen, doch so ist es auch mit mir. Diese Wohnung, dieses Haus, diese Gegend, das ist mein Heim. Denn hier sind noch die Spuren meiner vergangenen Jahre.“

„Aber der Staub tut Ihrer Lunge nicht gut. Sie verlassen die Wohnung nicht mehr, denn Sie können keine Treppen steigen. Außerdem ist ihre Küche nicht an Ihre Situation angepasst. Was wenn Sie etwas aus dem oberen Regal benötigen oder Sie in der Dusche ausrutschen und niemanden, der ihnen hilft?“  Rahel war nicht wohl bei dem Gedanken, Frieda, die sie jetzt schon lange als Altenpflegerin betreut hatte, in diesem Zustand allein zu lassen. „Ach, und wieso hatten Sie denn diese alten Kassetten wieder laufen?“

„Das sind nicht nur alte Kassetten.“ Das zuvor so zufriedene, warme faltige Gesicht war wie vom Blitz getroffen, die Züge von Frau Kaiser versteinerten sich augenblicklich. Frieda blickte Rahel an. Sie zögerte, doch schließlich beschloss sie, dass sie der jungen Frau eine Erklärung schuldig war und begann zu erzählen. „Ich kann hier genauso wenig weg, wie ich diese Kassetten ausschalten kann. Sie erinnern mich an die Wahrheit, an die Gründe.

Ich war damals vierundzwanzig, wollte von zu Hause ausziehen, weg von den der Bevormundung der Eltern. Mein Verlobter und ich planten eine Hochzeit. Danach wollten wir zusammen in eine nahegelegene Wohnung ziehen. Alles hätte so schön werden können. Die Hochzeit, das Haus, die Familie. Aber dann kam der Krieg. Dieser Krieg, der mir und vielen anderen endlich die Augen öffnete. Deutschland veränderte sich und ich erkannte nach und nach Rubens wahres Gesicht. Er war zu nett, zu hilfsbereit. Er hatte mich in seinen Fängen wie der Teufel eine verlorene Seele, er hatte mich hypnotisiert mit seiner charmanten Art. So gut konnte niemand sein. Nein. Juden waren Abschaum. Ruben war ein Jude. Ruben war Abschaum. Also tat ich das einzig Richtige und verweigerte die Heirat. Ich konnte das reine deutsche Blut meiner Familie nicht besudeln, indem ich mich an einen Juden band. Und Ruben, mein netter, lieber Ruben war nichts anderes als eine Reinkarnation des puren Bösen. So muss es gewesen sein. Ruben war Jude. Der Jude ist das Ebenbild des Teufels. Das Judentum bedeutet Rassentuberkulose der Völker. Wie sonst hätte ich ihn an die SS verraten können, wenige Monate vor Kriegsende und es ihnen ermöglichen können, ihn in ein Konzentrationslager zu stecken, ihn in den Tod schicken? Ich musste doch meine Gründe haben. Ja. Juden sind Abschaum. Ich habe das einzig Richtige getan. Ich habe das alles nicht nur gemacht, weil Vater mich dazu gezwungen hat. Nein. Es war mein freier Wille. Ich musste der Nation helfen. Das Judentum bedeutet Rassentuberkulose der Völker…“ Die letzten Worte waren nur noch ein kaum hörbares Flüstern. Frieda hatte den Blick starr an die Wand gerichtet. Ihr Gesicht war gerötet und eine einzelne Träne rann über ihre Wange. Stumm nahm Rahel die Hand der alten Dame. Unter der harten Fassade einer Frau, die sich weigerte, Hilfe anzunehmen, befand sich eine von Selbstzweifeln und Gewissensbissen zerrissene alte Dame, die ihre große Liebe der Nation wegen verraten hatte. Sie hatte so nicht leben können, nein, sie brauchte diese abscheulichen Kassetten, um sich einzureden, damals das richtige getan zu haben. Allmählich fasste Frieda sich wieder, schüttelte die Hand der Altenpflegerin ab, stand auf und ging zum Kassettenrekorder.

“Der Jude ist wohl Rasse, aber nicht Mensch. Er kann gar nicht Mensch im Sinne des Ebenbildes Gottes, des Ewigen sein. Der Jude ist das Ebenbild des Teufels. Das Judentum bedeutet Rassentuberkulose der Völker…”

So laut wie niemals zuvor erfüllten die gespuckten Hassparolen der Nazis das Treppenhaus und ließen den Putz an den Wänden des Wohnblocks der Kant-Straße bröckeln.

Filipa, Pauline , Lena

Ronja

European Volunteer from September 2015 to August 2016. Based in Luxembourg.

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